PROJEKT

Geschäfte mit Geschichte – Waren aller Art in Wien

PROJEKT

Während unserer fotografischen Streifzüge durch Wien mussten wir immer wieder das Verschwinden, bzw. die Verwandlung und Umwidmung von traditionellen Geschäften und Geschäftsportalen feststellen.  Wir nahmen dies zum Anlass, in Form eines work in progress noch bestehende Geschäfte fotografisch festzuhalten.

Die Auslage eines Geschäftes ist die Auslage eines Geschäftes. Oder anders formuliert: sie ist der wichtigste Präsentationsraum, um Laufkundschaft auf die eigenen angebotenen Produkte oder Dienstleistungen aufmerksam zu machen. Die äußere Umrahmung, das Portal und die nach innen verlängerte in permanenter Veränderung begriffene Ausgestaltung der Auslage bilden eine untrennbare Einheit. Der erste, meist flüchtige Eindruck entscheidet darüber, ob ein Passant innehält und seine Aufmerksamkeit gewonnen werden kann.

In Wien hat die Portalarchitektur bekanntlich eine lange und eindrückliche Tradition: Adolf Loos, Otto Wagner oder Josef Hoffmann für die frühere, Hans Hollein, Hermann Czech oder Coop-Himmelblau für die spätere, seien hier nur exemplarisch erwähnt. Deren Arbeiten wurden bereits ausgiebig diskutiert, gewürdigt und dokumentiert. Unser Interesse liegt nicht so sehr bei jenen Klassikern der Portalgestaltung, vielmehr wollen wir in die Jahre gekommene, noch vorhandene Geschäfte des Alltags, der Nahversorgung und der Dienstleistungen des täglichen Lebens festhalten. Sie finden sich in allen Bezirken Wiens und in unterschiedlichsten Lagen. Deren Portale heben sich von den Portalen der umliegenden Geschäfte ab. Sie sind architektonisch eigensinning und einmalig, aber oftmals nur von untergeordnetem historischen oder gestalterischen Interesse. Diese Geschäfte konnten  intuitiv aus unterschiedlichsten Gründen unser Interesse wecken: durch deren Gesamtbild, durch eine entsprechende Portalgestaltung, durch deren Auslagen oder durch typographisch interessante oder außergewöhnliche Beschriftungen. In manchen Fällen aber einfach auch nur durch die Besonderheit der angebotenen Waren oder Dienstleistungen.

In den vergangenen Jahren sind in Wien, neben den beharrlich weiter bestehenden alteingesessenen Geschäften, vor allem zwei Tendenzen bemerkbar. Zum einen das sang- und klanglose Verschwinden von alten Geschäften samt ihren Portaleinfassungen, zum anderen das Bewahren derartiger Portale durch neue Mieter und eine dabei zumeist einhergehende Metamorphose des Geschäftszweiges: Das Äußere findet im Inneren dann in den allerwenigsten Fällen noch seine Entsprechung, es wird zur kulissenhaften Umrahmung für neue Designer-Shops, Modegeschäfte oder Cafes im Retrodesign.

GESCHICHTE

Das äußere Erscheinungsbild von Portalen und Geschäftsauslagen, mit ihren großflächigen durchgängigen Glasfronten, so wie wir sie heute kennen, wurde vor allem durch die Entwicklung entsprechender Glassorten geprägt. Einen wesentlichen Schritt setzte bereits Ende des 17. Jahrhunderts der Franzose Bernard Perrot mit der Erfindung des Gussglasverfahrens. Im Zuge der Industriellen Revolution wurde dieses Verfahren weiterentwickelt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde erstmals die Herstellung von großen, gleichmäßigen und relativ dünnen Glasplatten möglich. Ab den 1960iger Jahren wurde dieses Verfahren dann durch die Herstellung des sogenannten Floatglas ersetzt, das in England entwickelt wurde und heute überall mit den bekannten großflächigen Glasfronten zum Einsatz kommt.

Im 18. und 19. Jahrhundert dominierten durch Blei- und später Holzsprossen unterteilte Fensterfronten das Erscheinungsbild der vornehmen Geschäftsstraßen und weltstädtischen Passagen der Großstädte. Einfache Geschäfte des täglichen Bedarfs, Geschäfte in den Aussenbezirken und Vororten präsentierten ihre Waren vor ihrem Lokal auf dem Gehsteig und an den geöffneten Holzläden von Eingang und Ladenfenstern. Man musste also in vielen Fällen erst das Geschäft betreten, um sich von der Vielfalt des Angebotes ein Bild machen zu können, aber auch im Ladeninneren waren die Waren oftmals eher in Form eines Lagers organisiert, als auf entsprechende Präsentation gegenüber dem Kunden.

Etwas in das Fenster „auslegen“, bzw. Waren durch die „Auslage“ oder das „Schaufenster“ zu betrachten war bis Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts zumeist den eleganteren Geschäften und Passagen in innerstädtischer Lage vorbehalten. Einhergehend mit der Weiterentwicklung der Produktion von großflächigen Glasfronten setzte sich die bewusste Warenpräsentation auch in anderen Lagen und Geschäftsbereichen durch.

Diese neue Form der Warenpräsentation, die auch Alltags- und Gebrauchsgegenstände, wie Lebensmittel, Geschirr, Waschmittel, Seifen, Hausratswaren und vieles mehr mit einschloss, hatte nicht nur Auswirkungen auf das äußere Erscheinungsbild eines Geschäftes. Ebenso betroffen waren Veränderungen im Inneren: aus unübersichtlichen Warenlager wurden Verkaufslokale, die ihr umfangreiches Angebot im Verkaufsraum ebenso ansehnlich präsentieren wollten, wie in deren Auslage.

Das Bewusstsein für die Notwendigkeit anspruchsvoller Portal- und Geschäftsraumarchitektur entwickelte sich übergreifend in vielen Geschäftsbereichen weiter. Schaufenster, Geschäftsschild und Eingangstüre sind dabei einer steten Weiterentwicklung unterzogen: von kleinen, vitrinenartigen Fenstern zu großflächigen Auslagen, vom gemalten Schild zur Neonschrift, von schmalen Eingangstüren zu niederschwelligen und großzügig gestalteten Eingangsbereichen. Immer eng verbunden mit einer entsprechenden Produktpräsentation, die durch ansprechendes Design von Ware und Verpackung und durch eindringliche Bewerbung ihre Zielgruppen zu gewinnen sucht.

ÜBER UNS

Philipp Graf:

Interessiert sich für alte Strukturen und neue Architekturen in Wien und der Welt. Fotografiert seit Jahren mit Leidenschaft die Schriftzüge alter Geschäftsportale, sowie Stadtmobiliar zu unterschiedlichsten Themen in Wien.

2008 bis 2010 das erste Gemeinschaftsprojekt mit Martin Frey: Eine Fotodokumentation über den Wiener Südbahnhof, der 2010 abgerissen wurde, um dem neuen Hauptbahnhof Platz zu machen.

Martin Frey:

Realisierung mehrerer fotodokumentarischer Projekte, unter anderem über Markierungen zu Luftschutzkellern in Wien (1992-2011) und über den Wiener Südbahnhof (2008-2010, gemeinsam mit Philipp Graf).

2011 entstehen die ersten Aufnahmen zu „Vienna Windows – Auslage in Arbeit“ – ein Fotoblog in progress gemeinsam mit Hanna Schimek, über verlassene Geschäftsauslagen in Wien.

2009 startet er sein Langzeitprojekt „Döner macht schöner (with kebab you’ll need no make up)“, das sich mit den Veränderungen im Erscheinungsbild von Wiener (Einkaufs-)strassen auseinandersetzt.

„Die Billigesser“ (2006-2008, gemeinsam mit Helmut Mörwald) wurde durch die gleichnamige Novelle von Thomas Bernhard inspiriert. Mit versteckter Kamera (einem Nokia 6230i Mobiltelefon) entstanden kurze Fotostories über öffentliche Kantinen in Wien und Berlin, die zum Teil nicht mehr existieren.

Links:

www.martinfrey.at

facebook.com/martinfrey.vienna

www.wien-südbahnhof-fotos.at

www.luftschutzkeller.at

vienna windows – auslage in arbeit @ tumblr

döner macht schöner @ flickr

die billigesser @ flickr

INFO

weiterführende Literatur:

Johannes Spalt: Portale & Geschäfte. Historische Wiener Geschäftsauslagen. Wien, Köln, Weimar 1999.
Susanne Breus: Window Shopping. Eine Fotogeschichte des Schaufensters. Wien 2010.

Fotonachweis:

Mann vor dem Schaufenster der Fa. V. Mayer’s Söhne, k. u. k. Hofjuweliere (spezialisiert auf Orden und Ehrenzeichen), Stock-im-Eisen-Platz, Wien.
Foto: Emil Mayer (zw. 1905 und 1914). Public Domain.

Juwelier Wagner: 1010 Wien, Kärntner Strasse 32. Geschäftsportal um 1940. Wikimedia Commons, CC-BY-SA-3.0:
By Juwelier Wagner (Own work) [CC-BY-SA-3.0]

 

 

 

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